Rituale, Zaubersprüche und Kräuter der Fruchtbarkeit von Miriam Wiegele

In früheren Zeiten waren es die hellsichtigen Weisen Frauen, die als Hebammen das Mysterium der Fruchtbarkeit und Geburt kannten. Damals – und bei vielen Naturvölkern ist es bis heute so – galt das Sternenband der Milchstrasse als Pfad der Seelen. Und beim Herabstieg zur Erde über dieses Band wurden die „Menschenkeime“ immer kompakter, immer menschlicher.

In vielen alten Traditionen kommen die Kinder auch aus dem Garten der Mondkönigin. Die Mondin hat ja bekanntlich viel mit Fruchtbarkeit, Sexualität und Geburt zu tun. Nachdem die Menschenkeime das Sternenreich verlassen haben und nach langer Reise auf der Erde angelangt sind, schweben sie durch die freie Natur. In Brunnen und Tümpeln oder direkt im Erdboden ruhen sie sich aus und saugen sich voll mit den Kräften der Mutter Erde. Man stellte sich vor, dass die Frauen die Menschen-keime dort auflesen könnten.

 

Die Frau brauchte nur einen besonderen Stein oder Felsen zu berühren, und schon huschte eine Kinderkeim in sie hinein. An vielen besonderen und bekannten Kraftplätzen in ganz Europa gibt es noch immer Rutschsteine, von denen die Frau einst runterrutschen musste, wenn sie sich ein Kind wünschte.

 

Auch beim Baden oder beim Wasserschöpfen, hieß es, konnte die Frau schwanger werden.

In vielen Regionen glaubte man, dass es Adebar der Storch sei, der hoch über den Häusern herumfliegt und Ausschau hält, wo sich eine Frau nach einem Kindlein sehnt. Dann taucht er mit seinem langen Schnabel in den Sumpf, holt damit einen Kinderkeim heraus, zwickt die Frau in ihr Bein. Und schon findet der Kinderkeim in ihrem Schoß eine warme, behagliche Höhle.

 

Wenn es manchen Frauen schwerfiel, Kinder zu empfangen, wusste die Weise Frau ihr zu helfen. Sie kannte die Kräuter, die die Fruchtbarkeit steigern, etwa die Mugwurz bzw. den Beifuß, der den Unterleib durchwärmt. Sie wusste helfende Zaubersprüche und kannte all die Orte wo es nur so von Kinderseelen wimmelte.

Der Titisee (titi bedeutet Kind oder Geist) im Schwarzwald war weithin bekannt dafür, dass man dort besonders viele Kinderseelen „rausfischen“ konnte.

 

Um das ungeborene Leben in ihrem Schoß zu schützen, musste sich die Mutter vor vielem in Acht nehmen. Schwangere sollten keine Erdbeeren essen, denn das könnte erdbeerähnliche Muttermale verursachen. Und in Schlesien empfahl man werdenden Müttern, keinen Fisch zu essen, da der Säugling sonst die „Schuppenkrankheit“ bekommen könne.

Überhaupt glaubte man, dass das Kind von jenen Dingen, welche die Mutter während der Schwangerschaft sieht, stark geprägt werden kann. Gleichzeitig empfahl man der Frau, junge Obstbäume zu schütteln oder zu umarmen.

Von einem Baum, der zum ersten Mal trägt, soll eine Frau, die ihr erstes Kind erwartet, essen, dann werden beide sehr fruchtbar werden. Ob Knabe oder Mädchen, diese Frage ließ man sich auch durch manche Pflanze beantworten. „Gibt’s viel Nuss, gibt’s viel Buam“, hieß es in der Oberpfalz.

 

Vor der Geburt Schuhbänder lösen

Wenn dann die Zeit für die Geburt gekommen war, galt es natürlich ganz besonders, die werdende Mutter vor bösem Zauber zu schützen. Das Johanniskraut, so war man überzeugt, kann Dämonen vertreiben und Unheil abwehren. Der Wohnraum wurde daher mit Johanniskraut und auch mit Beifuß geräuchert.

 

Wenn sich der künftige Erdenbewohner endlich ankündigte, war es höchste Zeit, die Hebamme zu holen. Oft war es die Dorfbase oder auch die eigene Großmutter, immer war es aber eine Alte, die als Weise Frau Bescheid wusste, was bei der Geburt zu tun sei. Sie veranlasste, dass im ganzen Haus die Türen und Kästen geöffnet, die Schürzen- und Schuhbänder gelöst und Seile und Stricke aufgeknotet wurden, damit sich das Kindlein bei seiner Geburt nicht „verstrickt“ oder gar stecken bleibt.

Die Hebamme war als Weise Frau die Seelenbegleiterin, die dem Kind, das sich an der Schwelle zur irdischen Welt befand, den Mut zusprach, sich während der Wehenwellen durch den engen Geburtskanal zu zwängen. Und sie kannte die richtigen Zauberworte, die der Gebärenden helfen sollten sich zu beruhigen. Sie reichte der Frau ein Büschel Beifuß in die linke Hand.

Den Beifuß (Artemis vulgaris) welcher der Göttin Artemis, der Schutzgöttin der Gebärenden, geweiht war, beschrieben die mittelalterlichen Kräuterdoctores als „ein sonderlich frawenkraut“das die Geburt beschleunigen kann. Die Lagerstätte wurde zudem mit Johanniskraut beräuchert, um böse Einflüsse fernzuhalten.

 

Die Hebammen kannten neben dem Beifuß noch andere Wehen anregende Kräuter wie das Eisenkraut. Vermutlich kannten sie auch die Wirkung von, Mutterkorn einem hochgiftigen Schmarotzerpilz im Getreide, und wussten, wie man ihn richtig anwendet, um seine eine einerseits Wehen fördernde und anschließend blutstillende Wirkung zu nutzen.

Mutterkorn (Claviceps purpurea) wird auch heute noch in der Medizin verwendet, allerdings werden diese beiden antagonistischen Wirkungen getrennt in Medikamenten genützt. Das Wissen der Weisen Frauen zur richtigen Anwendung des Pilzes ist leider mit der Inquisition, der sehr viele Hebammen zum Opfer gefallen sind, verloren gegangen.

Überhaupt war ja die Kirche der Meinung: „Unter Schmerzen sollst du deine Kinder gebären“ – als Strafe für die Schuld Evas an der Vertreibung aus dem Paradies.

 

Bei den germanischen Völkern fand nach der Geburt des Kindes ein besonderes Ritual statt: Die Hebamme legte das Neugeborene auf die strohbedeckte Erde, umschritt das Kind danach dreimal und beschaute es. War es gesund und lebensfähig, hob sie es auf – daher das Wort Hebamme (vom althochdeutschen hevanna, Heb-Ahnin).

Sie segnete dann das Kind mit einem Spruch, besprengte es mit etwas Wasser und setzte es dem frischgebackenen Vater auf den Schoß. Damit wurde es zum Teil der Gemeinschaft.

 

Um das neugeborene Kind in den ersten Stunden seines Erdendaseins zu schützen, wurden dem Badewasser auch gerne zauberabwehrende Kräuter beigesetzt. Besonders belieb war hierfür auch wieder das Eisenkraut (Verbena officinalis), das „stark wie Eisen“ machen sollte.

 

In manchen Gegenden war es zudem Brauch, das erste Badewasser von einem Knaben unter einem Apfelbaum und jenes von einem Mädchen unter einem Birnenbaum zu gießen Verdorrte ein solcher Obstbaum frühzeitig, dann galt das als schlechtes Omen.

 

Die Kräuter im Bettstroh

Die erste Zeit nach der Geburt, das Wochenbett, ist für Mutter und Kind eine Zeit der besonderen Schutzbedürftigkeit. Die Hebamme streute daher „Unser Frauen Bettstroh“ – die Kräuter, die früher Freya, der germanischen Göttin der Ehe und Liebe geweiht waren – in die Liegestatt.

 

Welche Kräuter kamen als Bettstroh nun infrage? Es waren in erster Linie die Johanniskräuter wie Quendel und Eisenkraut, Betonie und Schafgarbe, und dazu kam noch honigduftendes Labkraut (Galium verum).

Dass das Labkraut schädliche Strahlungen abhalten kann, davon sind heute noch viele Rutengänger überzeugt. In früheren Zeiten war es als Bettstroh nicht nur für die Wöchnerin beliebt, sondern es wurde auch den Kranken entweder ins Bett gelegt oder als Kräuterbüschel an das Kopfende des Bettes gegeben.

 

Eine Legende erzählt, dass das Labkraut ursprünglich weisse Blüten hatte. Nachdem das Jesuskind in der Krippe aber von Maria auf Labkraut gebettet worden war, verwandelte sich die Blütenfarbe in leuchtendes Sonnengold

Quendel (wilder Thymian)

Frauenmantel

Dost (wilder Majoran)

Johanniskraut

Labkraut

Beifuss

Schafgarbe

Engelwurz

 

Das wichtigste Kräutlein für das Bettstroh war aber der Quendel. Eine flämische Legende erzählt: Unsere liebe Frau Maria musste als Kind auf einem sehr harten Lager schlafen, denn ihre Eltern waren sehr arm. Da sagte eines Tages die heilige Anna: „Das Lager meines Kindes ist wirklich zu hart, ich will sehen, ob ich auf den Fluren nicht ein weicheres Bettchen finden kann.“ Darauf ging sie hinaus und kam in eine sehr trockene Gegend, wo viel Quendel wuchs. Sie sammelte die Blümchen und bereitete damit ihrem Kind eine weichere Liegestatt.

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